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Nicaragua

Als wir ankommen, schlägt uns tropische Hitze entgegen und hastig zerre ich mir den verschwitzten Fast-Winter Pulli aus, der mir 20 Stunden zuvor noch meinen kalten Arsch in Berlin gerettet hat.
Die Luft ist warm und feucht und wird von lautem Hupen erfüllt, das von überall zu scheinen kommt. Die Straße wird von Palmen und Reklameschildern gesäumt.
Nach dem langen Flug, dem Umsteigen, dem auf die Koffer warten, geht plötzlich alles ganz schnell.

Gustavo steigt auf die offene Ladeplatte des Pick ups seines Vaters und stellt sich oben auf. "Komm, das habe ich als Kind immer gemacht. Das macht Spaß!" Völlig übermüdet, und ein bisschen besorgt, weil das wirklich gefährlich aussieht, während der Fahrt draussen auf einem Pick Up zu stehen, schwinge ich mich mit einem 'klar' hoch auf die Ladefläche. Denn als Angsthase will ich nun wirklich nicht abgestempelt werden; ich bin eine Abenteurerin. Oben angekommen klammere ich mich an die Halterungsstangen, als sich der Pick Up langsam in Bewegung setzt. Die Räder drehen sich immer schneller, und auf der Hauptstraße angekommen saust der Wind um uns herum. Herrlich, bei dieser Hitze. Er zerrt an unseren T-Shirts und mit Tempo geht es durch den Verkehr, wir ganz oben herabblickend auf das Chaos um uns herum; umgeben von Dunkelheit, Sternen und blinkender Weihnachtsdekoration. Und dann ist da nur noch eins: Das Gefühl von Freiheit.

Ich schaue mich aufmerksam um, bemerke die kleinen Bistros, die Motorräder und die vielen Menschen, die irgendwo in einer dunklen Strassenecke sitzen, und Leute beobachten. Leute beobachten scheint irgendein Trend in Lateinamerika zu sein; jedenfalls ist das schon ein bisschen creepy, oder hobbylos, aber auf jeden Fall eine gute Referenz, falls derjenige beim Geheimdienst anfangen möchte.
Ich schaue mich um und denke darüber nach, dass ich heute noch in Berlin war, dass ich jetzt in Lateinamerika bin und dass alle anderen in der Uni sind. Meine Entscheidung, hierher zu fliegen, fühlt sich plötzlich total verrückt an, weil niemand Anderes so etwas machen würde. Und das gibt mir das Gefühl zurück, dass ich frei bin. Frei zu entscheiden, was ich mache und wie ich mein Leben gestalte. Es ist völlig verrückt, aber es macht mich glücklich. Lächelnd gehe ich weiter.

Mit nun vom Festkrallen schmerzenden Händen springe ich vom Pick Up. Stolz, dass ich mich das getraut habe. Obwohl ich so etwas nie von allein getan hätte. Gustavo hat mich dazu spontan animiert und ich mag diese Seite wirklich an ihm.

Im Bus


Die Natur in Nicaragua ist der Wahnsinn.  Vor mir betrachte ich einen verträumten, dunkelorangen Sonnenuntergang hinter dem verregnetem Regenwald, über dessen Baumkronen sich Nebel gesammelt hat.  Der Blick aus dem Busfenster sieht aus wie das Gemälde über meinem Bett; aber es ist Realität.  Daneben hat ein Mann sein Nachtlager aufgeschlagen, gleich neben dieser Landschaft..die einfach unberührt und unbemerkt scheint. Alle Anderen gucken sich einen Film an; aber für mich läuft der Film draußen ab, vor dem Fenster. Ich bedauere, dass es bald dunkel wird, und nutze meine Augen bis zum allerletzten Lichtstrahl, um meine Umgebung in mich aufzusaugen.

Die Grenze

Und nun sitze ich im Bus. Ganz alleine, Gustavo und seine Familienmitglieder, die die letzten Stunden um mich herum geschwirrt sind, sind weg. Komisch, eigentlich habe ich sie nur gestern gesehen, als sie uns vom Flughafen abgeholt haben, und den heutigen Vormittag. Ich habe das Gefühl, ich bin schon seit Tagen hier.
Die Busfahrt zeigt sich gemächlich, bis es zur Grenze kommt. Aus dem einen Staat ausstempeln, um zur Einreise im zweiten Land das ganze noch einmal über sich ergehen lassen zu müssen. Die Pässe sammelt der Stewart schon im Bus ein (bekomme ich den wieder???) Denke ich, als er im Beutel verschwindet. Mein Pass...mein Zugang zu all meinen Abenteuern. Zu meiner Freiheit.
Wir müssen aussteigen und mitsamt unserem gesamten Gepäck zur Migrationshalle schleichen. Auf dem Weg aus dem Bus werden wir von mehreren Händlern belagert, die versuchen, uns Dinge in die Hand zu stopfen.
Ein Typ gibt mir eine "kostenlose" Sim Karte, die brauche ich ja, aber irgendwie kann ich nicht glauben, dass sie kostenlos sein soll... deshalb lasse ich sie in der Wartehalle einfach wieder liegen (es könnte ja ein Ortungschip oder Kokain eingebaut sein!!!) Und wir müssen unser Gepäck durch ein xray Gerät stecken. Es guckt keiner hin. Anschließend bekomme ich keine Markierung, dass mein Gepäck kontrolliert wurde. Wofür machen wir das überhaupt? Scheint mir so, als stecke eher vermeintliche Strenge als echtes Interesse dahinter. Zurück beim Bus müssen wir ewig auf die Pässe warten. Die Händler schwirren indes wieder wie Fliegen um uns herum und der Eine, der mir die Karte in die Hand gedrückt hat, kommt zu mir, um meine Karte (mit meinem Geld) aufzuladen. Ich sage, dass ich sie erst in einem Laden in Costa Rica aufladen möchte, und seine Karte liegen gelassen habe. Zum Glück versteht er mein Spanisch nur halb, und fragt, ob er mir überhaupt eine SIM-Karte gegeben hat? "No, No ,No".
 Jetzt ist er verunsichert, weil er die Person einfach nicht mehr wiederfinden kann, der er die Karte gegeben hat. Puuh..Glück gehabt. Ich hätte seine Verfolger/Heimlich Kokain-schmuggelnde Karte wohl nicht einfach liegen lassen sollen. Verhement  dementiere ich, dass ich je eine Karte bekommen habe.
Dieser Abzocke war ich gerade noch aus dem Weg gegangen. Leider fällt mir nun ein, dass ich noch Costa Ricanisches Geld für das Taxi brauche, dass mich um Mitternacht zum Hostel bringen soll, damit ich auf den dunklen strassen nicht abgemurkst werde. Ich hatte einen Uber im Sinn, habe aber nicht daran gedacht, dass meine mobilen Daten in Costa Rica noch nicht benutzbar sind. Scheiss Roaming. Jedenfalls brauchte ich Landeswährung und fragte meine Mitreisende, mit der ich mich ein bisschen unterhalten hatte, in der Hoffnung sie könne mir etwas wechseln. Sie holte mir sofort einen Geldwechsler, und er begann mit irgendwelchen Zahlen um sich zu wirbeln und ich, gejetlagt, müde, aus dem Bus kommend, konnte bei Euro, Córdobas und Colones einfach nicht mehr mitrechnen..ich wollte erst Euro tauschen, aber er hatte keine zum umtauschen meiner großen Scheine dabei, und als wir wieder über mein Geld aus Nicaragua sprachen, sah ich, wie die letzten Menschen gerade im Bus verschwanden. Es musste schnell gehen. Ich fragte meine Mitreisende, ob der Kurs in Ordnung sei, und sie war nicht wirklich eine Hilfe. Der Geldwechsler wurde langsam angepisst von dem hin und her und ich war einfach nur überfordert. Aber ich brauchte das Taxi. Deshalb wechselte ich das Geld, mit dem Gefühl, über den Tisch gezogen worden zu sein. Oh man, mein Herz schlug bis zum Hals, mit all diesen zwielichtigen Händlern, und keiner Schutzmöglichkeit...was ein Abenteuer.

Nach fast einer Stunde von Warten, im Dunkeln, im Regen, umgeben von Händlern, frage ich mich schon, ob der Stewart beim Anblick meines einzigen roten Passes beschlossen hat, ihn illegal zu verscherbeln und sich am Strand mit der Kohle abzusetzen, anstatt zu unserem Bus zurückzukehren. Gerade als ich darüber nachdenke, was für ein nettes Sümmchen man für meinen Pass wohl auf dem Nicaraguanischen Schwarzmarkt erzielen könnte, kommt er wider erwartens wieder und lässt uns in den Bus einsteigen.
50 Meter fahren und wieder das gleiche Spiel, raus mit den Koffern, ab an den Schalter. Der Beamte fragt nach meinem Rückfahrticket und ich gebe ihm gedankenlos meine Boardkarte, bis mir klar wird, dass diese ja nur den Hinflug beinhaltet. Panik steigt in mir auf; wie soll ich beweisen, dass ich wieder zurückfliege? Gustavo kann ich nicht anrufen, um ihn um die Flugdaten zu bitten, weil ich noch keine SIM-Karte habe. Schweißperlen sammeln sich auf meiner Stirn und ich bereite mich innerlich schon darauf vor, gleich so heftig mit ihm zu flirten, dass wir die ganze Sache hier vergessen können. Äußerlich ziehe ich den Reißverschluss an meinem Ausschnitt noch ein bisschen herunter. Ich will keine weiteren Probleme bekommen..
Nach einer gefühlten Ewigkeit blickt er zu mir auf. "Sie können durchgehen". Puuuuuuh geschafft.
Ich suche mir die xray Maschine, hinter der 2 Beamte sitzen, die so tief in ein Gespräch vertieft sind, dass sie mein "hola" vollkommen ignorieren. Ich schiebe mein Gepäck auf den Apparat. Dann schaue ich zu den Beamten. Die Blicke der beiden Männer kleben aneinander, wie die zwei frisch Verheirateter auf dem Weg in die Flitterwochen....oder wie der Kaugummi unter meinem Schuh, jedenfalls interessiert es sie null, was sich in meinem Rucksack befindet. Ich gucke sie an. Schweigend nehme ich mein Gepäck vom Band. Immernoch keine Reaktion. Jetzt lacht der Eine über einen Witz, den der Andere gemacht hat. Ja richtig, lacht ruhig. Lacht über meine 13 Kilo Kokain, den möglichen Sprengstoff in meinem Rucksack und die ganzen frischen Früchte und Pflanzen, die ich extra mitgebracht habe, um eure gesamte Fauna zu invasieren. Jedenfalls wäre es möglich, dass ich das alles bei mir habe. So als Tourist. Aber ihr beide werdet nie erfahren, ob meine Katze lebt oder tot ist, weil mein Schrödinger Zuhause eine Katzenhaarallergie hat.  Warum macht ihr dann überhaupt diese Kontrollen, wenn es euch gar nicht interessiert? Ihr seid richtige Bananos in eurem Job.

Zum Glück war das ganze Grenztheater nun überstanden. Auf der Costa Ricanischen Seite liessen uns komischerweise alle in Ruhe (vielleicht wegen des sich möglicherweise in meinem Rucksack befindenden Sprengstoffs? Wir werden es nie erfahren) und ich ließ mich erschöpft in meinem Ledersitz nieder. Das Einzige was jetzt helfen konnte, war ein kitschiger Weihnachtsfilm, in dem die Protagonistin ihren Traumprinzen findet und den ich unter der Rubrik 'Kinderfime' entdeckt hatte. Wer sagt denn, dass ich nicht zusehen darf, wie Vanessa Hudgens lächelnd Plätzchen backt und sich Hals über Kopf in den Typen verliebt, den sie vor einem Tag kennengelernt hat. Die Story war ziemlich hohl, Vanessa einfach nur zuckersüß und es gab sogar eine Szene, in dem der superheiße beste Freund ohne T-Shirt ins Zimmer kam. Fragt man sich auch, was das in einem Kinderfilm zu suchen hat. Ich würde sagen, das war für die Mamas. Kann sein, dass ich an der Stille für ein paar Sekunden das Bild gestoppt habe. Oder ein paar Minuten. 

Das doofe an der Busfahrt war das Ankommen im Dunkeln. Durch die Verspätung waren wir kurz vor 1 Uhr nachts in San José. Die so ziemlich wichtigste Regel in Lateinamerika, jedenfalls wenn es um Sicherheit geht, lautet, nachts unter keinen Umständen allein auf der Straße unterwegs zu sein. Nochmal ungünstiger wird es wenn man eine Frau ist. Und offensichtlich Touristin. Und keinen Plan von dem fremden Land hat. Ein eifriger Mann bot mir am Ausgang ein Taxi an, und war auch schnell bereit zu googeln wo sich mein Hostel befand. Er war kleiner als ich, redete mit einer weiblichen Taxifahrerin und wirkte vertrauenswürdig, bis er mich zu seinem "Taxi" führte, was ein stinknormales Auto war. Das fand ich ziemlich komisch und ich überlegte schon, wie ich einfach umdrehen und weggehen könnte, ohne eine große Konfrontation auszulösen, für die ich wirklich keine Energie mehr hatte. Zum Glück fand er seine Autoschlüssel nicht mehr (welcher Taxifahrer findet seine Autoschlüssel nicht mehr!!?). Das wäre ja, als würde ein Chirurg ohne Hände zur Arbeit kommen; jedenfalls ziemlich blöd gelaufen, wenn man seinen Job ausüben wollte.
Er verwies mich also an seinen Kollegen, der das einzig echte Taxi vor dem Terminal hatte. Als ich einstieg, war das Erste was er machte, mich zu rügen, dass ich nicht früher nein zu dem falschen Taxifahrer gesagt hatte, weil diese Mädchen schlimme Dinge antun können. Like, wtf. Ausserdem informierte er mich, dass die Hostels um diese Uhrzeit fast alle schon geschlossen sind, weil es nachts so gefährlich wird und ich meins anrufen soll. Da ich noch keine Sim Karte hatte, fuhr er extra an einen Stand, um sein Handy aufzuladen und von dort aus anzufragen, ob er mich noch an meinem Hostel absetzen konnte. Ich war nach dem langen Tag gefühlt nur noch ein kleines Häufchen Maite und dankbar für meinen Taxifahrer, der seinen Beschützerinstinkt nicht ganz im Rahmen behalten konnte.

Angekommen im Hostel bekam ich ein eigenes Zimmer, weil ich so spät ankam (die Besitzerin hatte extra gewartet!)
 Und fiel einfach nur ins Bett.

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